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Blockchain: Die Kette kalkulierter Zufälle

Bastian Kellhofer

Die Technologie-Blockchain hat das Zeug, die Finanzwelt zu verändern, heißt es. Wenn man den ersten, ideologisch geprägten Anwendungsfall Bitcoin außen vor lässt, könnte das in den kommenden Jahren sogar zur Realität werden.

Die Blockchain ist groß im Kommen. Digitale Währungen auf Basis von Blockchains (wie Bitcoin, Litecoin, Monero) sprießen aus dem Boden und sind der neueste Trend der Fi­nanzspekulation. Konzepte wie selbstausführende Verträge („Smart Contracts“) werden erstmals eingesetzt. Nur: Was sind Blockchains eigentlich?

Eine Blockchain ist eine verteilte Datenbank, eine Excel-Ta­belle, die nicht auf einem zentralen Datenträger gespeichert ist, sondern auf vielen verschiedenen verteilten Compu­tern. Etwa alle zehn Minuten wird ein Bündel an Transak­tionen gemeinsam (als „Block“) vom Netzwerk verifiziert. Jeder Block verweist dann auf den Block, der vor ihm kam. Die Datenbank ist also als Liste von Transaktionsblöcken aufgebaut. Ein Block enthält außerdem eine Prüfsumme, die verhindert, dass die Transaktionen im Nachhinein ver­ändert werden können.

Das Konzept Blockchain wurde dafür geschaffen, ein äqui­valent von Bargeld im Internet zu ermöglichen, das keine ausgebende Stelle wie eine Zentralbank benötigt. Zumin­dest wollte der erste Anwendungsfall Bitcoin es so. Um das zu erreichen, mussten seine Erfinder einige Grundproble­me der digitalen Welt lösen. Das Konzept bringt Unver­änderlichkeit in die durch Veränderbarkeit geprägte Welt des Digitalen; es erlaubt Konkurrenten, die einander nicht  vertrauen, sich auf eine gemeinsame Wahrheit zu einigen.

DER NEUE MARKT GEHÖRT ALTEN BEKANNTEN

Amazon, Google, Facebook – die Macht im Internet tei­len sich nur ein paar Unternehmen. Massen an Daten von Milliarden InternetnutzerInnen sind in den Händen we­nig transparenter Firmen. Als das Internet in den 1990ern seinen Siegeszug antrat, witterten Early Adopters die Mor­genluft der digitalen Freiheit. Spätestens 2005 waren sie in der Realität angekommen. Jetzt soll das Versprechen der Dezentralisierung, die das Internet nicht gebracht hat, von einer neuen Technologie gehalten werden. Die Hoffnung in den verteilten Charakter der Blockchain ist groß.

Während die einen durch eine neue Dezentralität wieder von einem freien Fluss an Informationen und Daten jeg­licher Art ohne Mittelsleute träumen, wollen IT-Groß­konzerne der alten Garde und andere große Unterneh­men den Zug diesmal auf keinen Fall verpassen – und es sieht für sie gar nicht schlecht aus. Der größte Fisch im Teich des Blockchain-Technologie-Geschäfts war 2017 kein innovatives Start-up, sondern ein 106 Jahre alter Konzern: IBM lag laut einer Befragung von Juniper un­ter UnternehmerInnen und ManagerInnen an der Spit­ze der Anbieter von Blockchain-Technologie. Auf Platz zwei landete Microsoft. Schätzungen von AnalystInnen und UnternehmensberaterInnen zufolge soll der globale Blockchain-Markt in den nächsten fünf Jahren auf sechs bis zehn Milliarden Dollar anwachsen. Laut dem Fachpor­tal Coindesk flossen 2016 weltweit mehr als 400 Millionen Dollar Risikokapital in Blockchain-Technologien – in der ersten Jahreshälfte 2017 waren es bereits rund 300 Millio­nen Dollar. Der Hype treibt dabei mitunter skurrile Blüten. Die Euphorie ist so groß, dass es derzeit als Unternehmen anscheinend genügt, „irgendwas mit Blockchain“ zu ma­chen. Nachdem sich ein amerikanischer Getränkehersteller in „Long Blockchain Corp.“ umbenannte, legte der Ak­tienkurs der Firma prompt um 238 Prozent zu. Für überra­schung sorgte zuletzt auch das Fotografie-Urgestein Kodak, das auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas mit einem handlichen Bitcoin-Mining-Gerät auf sich aufmerksam machte. Zur Erinnerung: Bitcoins werden mittlerweile in Rechenzentren in der Größe von Lagerhallen in Ländern mit günstigen Strompreisen „geschürft“.

MÄCHTIGE NEUE ALLIANZEN
Bisher konzentrieren sich die ernst zu nehmenden Bemü­hungen also auf zwei große Open-Source-Plattformen. Die ältere Plattform, Hyperledger, wurde bereits 2015 von der Linux-Foundation begründet und bekannt durch das ein Jahr später von IBM angekündigte Blockchain-as-a-Ser­vice. Im Hyperledger-Konsortium sitzen unter anderen die Deutsche Börse, Airbus, Accenture, Cisco, Baidu und Intel – insgesamt sind es mehr als 180 Mitglieder. Micro­soft gehört nicht dazu. Anfang 2017 hat sich die zweite große Plattform formiert: Die Ethereum Enterprise Allian­ce (EEA) basiert, wie der Name verrät, auf der für „Smart Contracts“ bekannten Ethereum-Blockchain und zählt mittlerweile rund 200 Mitglieder. Neben Microsoft gehören der EEA auch Schwergewichte wie Mastercard, J.P. Morgan, Cisco oder Hewlett Packard an.

BATAVIA: SCHNELLES, SICHERES IMPORT-GESCHÄFT DANK DER BLOCKCHAIN
Ganz konkret finden sich für Finanzinstitute auch Anwen­dungsfälle neben dem direkten Kerngeschäft. Die Handels­finanzierungsplattform Batavia, die 2016 von der Schweizer Großbank UBS und IBM gestartet wurde und auf der einen großen Open-Source-Plattform „Hyperledger“ aufbaut, will einerseits Transaktionen zwischen den Teilnehmern eines Handelsnetzes (Produzenten, Lieferanten, Behör­den, Banken, Käufer) simpler und kostengünstiger machen und andererseits Warensendungen von der Auslieferung aus dem Lager über die Verladung in ein Transportmittel (Schiff, Flugzeug, Zug, LKW etc.) bis hin zum Eintreffen am Zielort durchgängig tracken. Auf dem Weg der Ware soll die Blockchain-Technologie dafür sorgen, dass Zah­lungen immer dann automatisch erfolgen, wenn die Ware einen bestimmten Kontrollpunkt passiert hat.

Dieser Initiative haben sich die Erste Group sowie die Bank of Montreal aus Kanada, die CaixaBank aus Spanien und die deutsche Commerzbank angeschlossen. „Gemeinsam mit den weiteren internationalen Geschäftsbanken und unserem Technologiepartner arbeiten wir derzeit eng mit einigen Unternehmen in der Entwicklung zusammen, um Batavias Prozessabläufe zu definieren und bald die ersten Pilottransaktionen durchzuführen“, sagt Patrick Götz, der Head of Corporate Flow Products der Erste Group. Die österreichische Bank stellt dem Batavia-Projekt eigenes Personal (unter anderen ProgrammiererInnen) zur Verfü­gung und bringt außerdem Know-how darüber ein, welche geschäftlichen Vorgaben die Technologie für die Bank und ihre KlientInnen erfüllen muss. Erste Testtransaktionen sollen im ersten Quartal 2018 stattfinden.

Erwartet wird von Batavia, dass die Plattform KäuferInnen, VerkäuferInnen und deren Banken hilft, Geld zu sparen. Ist es heute oft so, dass bei Handelsgeschäften viele Papierdo­kumente erstellt werden müssen, die Zeit und Geld kosten, könnte die Blockchain künftig viel Aufwand und Kapital sparen. Auch Vertrauen zwischen internationalen Handels­partnern soll mit der Technologie aufgebaut werden: Im „Ledger“ sind die Verträge zwischen ihnen über „Smart Contracts“ einsehbar und gleichzeitig nicht veränderbar.

Batavia wird mit IoT-Systemen zusammenspielen: Damit  Waren getrackt werden können, müssen diese mit Chips  (etwa RFID) ausgestattet werden. So können Lesegerä­te erfassen, wo die Güter gerade sind, und das an Batavia  weiterleiten. Die Gefahr von Irrtümern, Manipulationen und Streitigkeiten wird stark verringert. Wenn alle an ei­ner Transaktion Beteiligten Zugang zu einer einheitlichen Darstellung der Fakten haben, schafft das untereinander mehr Vertrauen, was wiederum die Errichtung größerer, dezentraler Netzwerke und in der Folge höhere Umsätze ermöglicht.

R3: 80 BANKEN AUF DER SUCHE NACH DEM EIGENEN WEG
Mittlerweile haben sich über 80 Banken im Konsortium R3 zusammengeschlossen, um an einer eigenen privaten Version der Blockchain zu basteln. R3 wurde im Septem­ber 2015 von den Banken Barclays, BBVA, Common­wealth Bank of Australia, Credit Suisse, Goldman Sachs, J.P. Morgan, Royal Bank of Scotland, State Street und UBS gegründet. Bislang gab es keine Bestrebungen von R3, eine eigene Kryptowährung auszugeben, vielmehr konzentriert sich R3 auf die Entwicklung der Plattform Corda. Das ist eine für die betriebliche Anwendung entwickelte Plattform für die Finanzindustrie und den Handel. Gemeinsam mit den Mitgliedern werden Proofs of Concept entwickelt, um Distributed-Ledger-Applikationen kommerziell zu nutzen.

RIPPLE: ANDERS ALS DIE ANDEREN KRYPTOS
Ripple ist der Gegenspieler von R3 und wählt einen ande­ren Weg, um die Banken in die dezentrale Welt zu führen. Ripple hat die dritthöchste Marktkapitalisierung im Kryp­toland (39,5 Milliarden Dollar). Seit Beginn 2017 stieg der Wert der hauseigenen Kryptowährung (XRP) von 0,0065 Dollar-Cent auf zwischenzeitlich über 3,31 Dollar an. Mitt­lerweile hat sich der Preis pro XRP bei rund einem Dol­lar eingependelt. Ripple konterkariert die Ansätze vieler andere digitaler Währungen und bindet die Banken in das Geschäftsmodell mit ein. Die meisten Kryptowährungen wollen die Mittelsleute – also die Banken – im Zahlungs­wesen umgehen. Ripple schart sie um sich und baut ein in sich geschlossenes System. Heute sendet die Welt mehr als 155 Billionen Dollar über die Landesgrenzen hinweg. Den­noch ist die zugrundeliegende Infrastruktur fehlerhaft. Die Transaktionen kosten die Banken zwischen zwei und drei Prozent der Transaktionssumme. Bei milliardenschweren Schuldverschreibungen, wie sie heute gang und gäbe sind, ein enormer Kostenfaktor. Ripple hingegen bietet die Mög­lichkeit, Geld weltweit und widerstandslos über die Block­chain zu versenden, für unter einen Dollar-Cent pro Trans­aktion.

RIPPLE: 1.500 TRANSAKTIONEN PRO SEKUNDE
Die Kosten werden über XRP abgewickelt, die wie eine Briefmarke die Zugehörigkeit des Datensatzes zum Rip­ple-Netzwerk bestätigen, also als eine Art Spamschutz fungieren. Ripple-CTO Stefan Thomas (übrigens öster­reicher): „Finanzinstitute können mit RippleNet ihre Kun­denzahlungen mit nur einer Schnittstelle sofort, zuverläs­sig und kostengünstig umsetzen.“ Laut Website ist Ripple das einzige Blockchain-Banken-Netzwerk mit definierten Regeln, Standards und Führungsstrukturen für grenzüber­schreitende Zahlungen.

Die Ripple-Blockchain ist eine Art Datenbank, auf der die Schuldscheine (IOUs) gespeichert sind, die Banken sich gegenseitig ausstellen. Der Konsens-Ledger des Unterneh­mens kann 1.500 Transaktionen pro Sekunde verwalten und internationale überweisungen binnen Sekunden ve­rifizieren – ebensoviele wie etwa das Visa-Netzwerk. Der Distributiv-Ledger steht im Kontrast zum gängigen „Proof of work“-System von Bitcoin. Er basiert auf dem Vertrauen der Institute untereinander. Damit steht das Fintech in di­rekter Konkurrenz zu der Organisation Swift, die den Zah­lungsverkehr zwischen 11.000 Bankhäusern weltweit regelt.

Ripple vereint die effektive Blockchain-Technologie mit einem weltweiten Kooperationsnetzwerk: Neben UniCre­dit, UBS, Bank of America, Santander und Merrill Lynch sind 47 japanische Banken an Bord, die Ripple bereits im­plementiert haben. „Wir sind das einzige Unternehmen mit echten Kunden, während unsere Konkurrenz noch im Sandkasten spielt. Ein Proof of Concept ist noch lange kein Business Modell“, sagte CEO Bran Garlinhouse. Nach der letzten Ausbaustufe soll Ripple ein Peer-to-Peer-Zahlungs­verfahren und ein eigener Devisenmarkt sein. Dabei grenzt Ripple Fiat-Währungen nicht aus, sondern bindet sie ein. Jede beliebige Währung wird unterstützt. Das dezentrale Bitcoin-System wird auf alle Währungen ausgedehnt.

Diese neuen Logiken sind nicht nur auf digitale Währungen anwendbar, sie können auch in anderen Bereichen nützlich sein. In der Logistik, im Energiebereich, in der Identitätsab­frage, für Versicherungen. In nahezu allen Branchen lassen sich Anwendungsfälle finden, für die die Blockchain Ver­waltungskosten abbaut, Transaktionszeiten verkürzt und Einflussnahme von außen ausschließt. Die Branche lockt aktuell mehr Developer an als alle anderen Teilbereiche zusammen. Die Zahl der Ausschreibungen für IT-Profis mit Blockchain-Kenntnissen stieg im vergangenen Jahr um über 200 Prozent.

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