Sparkassen Zeitung

Werte

Wir wollen Wohlstand für alle

Ausgabe #1/2019 • 200-Jahr-Jubiläum
Stephan Scopetta

ANDREAS TREICHL, CEO DER ERSTE GROUP, UND GERHARD FABISCH, PRÄSIDENT DES ÖSTERREICHISCHEN SPARKASSENVERBANDES, IM INTERVIEW ÜBER 200 JAHRE ÖSTERREICHISCHE SPARKASSENGRUPPE UND IHRE ZUKUNFTSIDEEN UND -PERSPEKTIVEN.

Die Gründung der Sparkassen fand vor 200 Jahren statt. Was war das Besondere daran?

Andreas Treichl: Am Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte in Österreich viel Armut, und viele Menschen hatten Probleme über die Runden zu kommen. Es gab zwar schon Banken zu jener Zeit, aber diese boten ihre Dienste bevorzugt dem Adel oder auch den hohen geistlichen Würdenträgern an. Doch Johann Baptist Weber, der Pfarrer von St. Leopold im zweiten Wiener Gemeindebezirk, gab den Menschen mit der Gründung der „Erste Oesterreichische Spar-Casse“ eine Perspektive für die Zukunft. Erstmals konnten auch kleine Beträge auf einem Sparbuch zur Seite gelegt werden und es gab für das Geld sogar Zinsen. Damals kam dieser Gedanke eines Geldwesens für alle einer Revolution gleich. Das junge Mädchen Marie Schwarz ergriff mit ihrem ersten Sparbuch sofort diese Gelegenheit.

Gerhard Fabisch: Die Gründung der Sparkassen war sicher eine der Ursachen dafür, dass sich in Folge in der österreich-ungarischen Monarchie ein Mittelstand herausgebildet hat. Gerade dieser Mittelstand sorgte für Wohlstand, von dem wir selbst heute noch profitieren. Es kam zwar im 20. Jahrhundert zu riesigen Katastrophen in unserer Geschichte, aber auch diese haben die damaligen Länder überwunden, und heute sind die meisten Staaten, bedingt durch einen soliden Mittelstand, gut aufgestellt.

Geld für die Zukunft verzinst zur Seite zu legen, mag sicher ein Vorteil sein, aber wenn man wenig hat, kommen dadurch auch nicht die großen Reichtümer zusammen. Wie konnte sich auf dieser Basis ein Mittelstand herausbilden?

Fabisch: Schon 1822 wurden von der „Erste Oesterreichische Spar-Casse“ auch Kredite vergeben. Übrigens, nicht nur das erste Sparbuch ging an eine Frau, sondern auch der erste Kredit. Mit Krediten war es den Bürgerinnen und Bürgern möglich Investitionen zu finanzieren, die für die Zukunftsgestaltung und für Wohlstand und Weiterentwicklung der Menschen wichtig waren.

Der Wohlstand hat sich heute eingestellt, aber auf die Menschen damals kamen auch einige Herausforderungen zu. Die bürgerliche Revolution 1848, der Erste Weltkrieg, die Wirtschaftskrise zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der zweite Weltkrieg – da ist schon einiges passiert...

Treichl: ... und trotz aller Krisen gibt es unsere Bank noch immer. Hier bestätigt sich, dass revolutionäre Ideen auch große Krisen überdauern. Gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden haben wir die schwierigen Zeiten überstanden und zusammen die Gemeinwohlidee weiter ausgebaut. Heute ist unser Land eines der reichsten der Welt und unsere Idee haben wir in viele Länder Zentral- und Osteuropas exportiert. Auch dort zeigt sich, dass das Gemeinwohl fruchtet und die jeweiligen Länder davon profitieren und reicher werden.

Wie kann es der Sparkassengruppe gelingen, nicht nur erfolgreich zu sein, sondern es in Zukunft auch zu bleiben?

Fabisch: Das Entscheidende war in der Vergangenheit und wird es auch in Zukunft sein: Wir dienen unserem Zweck. Dieser definiert sich ganz einfach darin, dass wir den Menschen helfen, Wohlstand zu erreichen und diesen zu erhalten.

Treichl: Es ändern sich die Technologien und das sehr rasant, wie die vergangenen Jahre zeigen. Die Digitalisierung wird unser Geschäft mit Sicherheit dramatisch ändern, aber der Zweck wird auch in Zukunft derselbe bleiben. Ich bin davon überzeugt, wenn wir diesem treu bleiben, werden wir auch in Zukunft Bestand haben.

Kann sich eine Bank dabei leisten nicht auf die technologischen Herausforderungen zu reagieren?

Treichl: Die vielen dynamischen Fintechs sind natürlich eine Herausforderung für uns, aber es ist weniger ein Gegeneinander als ein Miteinander. Unsere sehr erfolgreiche Bankingplattform George haben wir mit Fintechs und den Kundinnen und Kunden gemeinsam entwickelt. Der Erfolg von George bestätigt uns im eingeschlagenen Weg. Heute nutzen bereits über vier Millionen Menschen unsere Bankingplattform.

<Fabisch: Unabhängig von der Technik punkten wir auch mit gut geschulten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Bei komplexeren Geschäften kommen die Menschen noch immer in die Filiale und wollen eine gute und fundierte Beratung. Kunden schenken uns nicht per Knopfdruck Vertrauen, sondern das muss man sich durch Verlässlichkeit, Kompetenz und gute Beratung verdienen. Trotz aller technologischen Fortschritte muss eine Bank auch heute noch eine starke menschliche Komponente haben.

Welche Vision, oder auch Mission, haben Sie?

Treichl: Visionen und Missionen bedeuten mir überhaupt nichts. Ich mag keine Firmen, die auf ihre Website und Prospekte schreiben: „Unsere Kunden sind uns wichtig“ oder „Wir haben die besten Mitarbeiter“. Das ist doch selbstverständlich, und keiner würde behaupten, dass er sich nicht um die Kunden kümmert, das schlechteste Produkt oder die miesesten Mitarbeiter hat. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass man Werte lebt und diese nicht einfach auf eine  Website schreibt. Der große Unterschied zwischen uns und vielen anderen Banken ist, dass wir sagen, dass wir Wohlstand für alle haben wollen. Für uns ist das keine Vision, sondern schon laut Gründungsstatut Bestimmung.

Fabisch: Wir sind dafür gegründet worden, allen Menschen in unseren Regionen zu Wohlstand zu verhelfen und nicht nur einigen. Wenn man so einen starken Zweck, so eine starke Bestimmung hat, braucht man sich über Visionen keine Gedanken machen. Wir haben in den vergangenen 200 Jahren auch Fehler gemacht und wir werden auch in den nächsten 200 Jahren Fehler machen, aber wir dürfen nie von diesem Zweck abweichen, denn auch in 200 Jahren wird es Menschen geben, die die gleichen Probleme haben wie wir jetzt.

Wie wird sich aus Ihrer Sicht die Zukunft entwickeln?

Treichl: Für die Sparkassen und die Banken allgemein werden die Anforderungen in Zukunft deutlich schwieriger werden. Das Zinstief wird uns noch lange begleiten und wir können nicht mehr mit dem Sparbuch operieren, um den Kundinnen und Kunden zu mehr Wohlstand zu verhelfen. Es gibt natürlich unzählige andere Produkte, mit denen ein Vermögensaufbau gelingen kann, aber das braucht viel Beratung und ist auch mit einem höheren Risiko verbunden.

Fabisch: Auch müssen wir uns als Bank auf die neue Generation einstellen, die sehr technikaffin ist, und hier müssen wir auch in Zukunft sehr viel Geld investieren, um den Ansprüchen unserer Kundinnen und Kunden in der digitalen Kommunikation gerecht zu werden.

Wenn wir einen Blick in die Zukunft werfen: Wo werden Erste Group, Erste Bank und Sparkassen in 200 Jahren sein?

Treichl: In den nächsten 200 Jahren wird die Technik unsere Welt grundlegend verändern. Wie sehr, ist heute eigentlich nicht abschätzbar. Hätten Sie vor 30 Jahren geglaubt, dass das Internet die gesamte Welt verändern wird oder dass wir heute alle Handys haben, mit denen wir rund um die Uhr erreichbar sind und Geschäfte abwickeln? Das kannten wir aus Science-Fiction-Filmen. Ob es in 200 Jahren noch Bargeld geben wird oder nicht, kann ich nicht sagen, aber ich bin mir sicher, dass man auch in 200 Jahren noch Geldtransfers machen wird, dass auf irgendeine Art Vorsorge betrieben wird und auch, dass noch der Bedarf an Krediten besteht. Wir werden in den nächsten Jahrzehnten also viel in die digitale Bank investieren müssen, um auch in Zukunft ein attraktiver Partner für unsere Kundinnen und Kunden zu sein. Bei einem bin ich mir aber sicher: Uns wird es auch in 200 Jahren noch geben. Wir kämpfen darum, und es wird gut für alle sein.

Fabisch: Trotz aller Technik werden wir auch in 200 Jahren noch Beratung brauchen. Doch die Herausforderungen werden immer komplexer und damit werden wir auch in den nächsten Jahren viel Geld in die Schulung unserer Mitarbeiter investieren. Wir dürfen nie darauf vergessen, dass der Mensch auch in 200 Jahren noch Mensch sein wird, und wir sind soziale Wesen, die eine persönliche Ansprache brauchen. Wir werden auch in 200 Jahren noch Sorgen und Bedürfnisse haben, die wir mit einem Menschen und nicht mit einer Maschine besprechen wollen.

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Was zählt, sind die Menschen