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Lässt Streaming TV und Hollywood bald alt aussehen?

Ausgabe #2/2019 • Die Zukunft des Zahlens

Spätestens seit der heuer mit drei Oscars ausgezeichneten Netflix-Produktion „Roma“ hat sich die Bekanntheit von Streamingdiensten als ernstzunehmende Alternative zu Fernsehen oder Kino vervielfacht. Das in Schwarz-Weiß gehaltene Historiendrama wurde zehn Mal nominiert, allerdings nur drei Mal ausgezeichnet, was die Berührungsängste der klassischen Film-Welt mit den immer noch „außerirdischen“ Video-on-demand-Plattformen deutlich widerspiegelt. Streaming erobert Hollywood? Das geht doch gar nicht. Umgekehrt will sich Netflix nur sehr beschränkt der Kinopolitik beugen und seine Filme im Kino zeigen.

30 PROZENT DER BEWEGTBILD-NUTZUNG DER JUNGEN ERFOLGT BEREITS ONLINE

Erobert Streaming die Jugend von heute und lässt Fernsehen bald alt aussehen? Immerhin entfallen bei der Bewegtbild- Nutzung der 14-bis-29-jährigen ÖsterreicherInnen nur noch 48 Prozent auf lineares Fernsehen. Bereits 30 Prozent macht laut aktueller Bewegtbildstudie von RTR und AGTT ihr Online-Videokonsum aus. Das liegt nicht mehr allzu weit auseinander. YouTube, Netflix, Amazon Prime, iTunes & Co lassen selbstbewusst grüßen. Die TV-Sender kommentieren diese Entwicklung gelassen, beobachten sie aber genau. Der ORF etwa verweist darauf, dass man 2018 über 1,4 Millionen 12-bis-29-Jährige monatlich erreicht hat. 2010 lag diese Zahl nicht wesentlich höher, bei rund 1,5 Millionen. Zudem steigt die gesamte durchschnittliche tägliche Fernsehdauer immer noch leicht an.

HOCHWERTIGER INHALT AUF ALLEN PLATTFORMEN ALS ZIEL

Ähnliches hört man auch aus anderen TV-Unternehmen – aber immer mit dem Zusatz, dass natürlich auf den verstärkten nichtlinearen TV-Konsum des jungen Publikums reagiert werde. Von der Erweiterung der Channels über den Ausbau der ORF-TVthek und neuen Initiativen wie dem ORF-Player bis hin zur Streamingplattform „7TV“ der Pro- Sieben-Gruppe stellt man sich auf die jugendlichen NutzerInnen ein. Entscheidend im Kampf um junge SeherInnen werde qualitativ hochwertiger Inhalt sein, der über die verschiedensten Devices konsumierbar wird, ist man sich einig.

WIRD SICH NATIONALES/REGIONALES ANGEBOT BEHAUPTEN KÖNNEN?

Stellt sich nur noch die Frage, ob sich in Zukunft nationale Angebote gegen standardisierte internationale Monopole behaupten können. In Österreich kommen heimische, regionale und lokale Inhalte immer noch gut an. Sie sind ein Alleinstellungsmerkmal für die Regionalsender, mit der Kundennähe bei Regionalbanken zu vergleichen. Dieses regionale Know-how kann kein Videoriese bieten, es gibt den SeherInnen unmittelbare Antworten und damit Orientierung.

Und wenn wir schon von Disruption in der Bewegtbild-Branche sprechen: Ich hatte kürzlich das Vergnügen, bei der Präsentation eines Buches über die erste österreichische Filmpionierin einen Stummfilm von 1918 in voller Länge – und mit echter Klavierbegleitung auf der Bühne – im Wiener Metro-Kino zu erleben. So cool ich den Film in dieser Situation fand, so tot war er wenige Jahre nach seiner Erstaufführung. Da wurde nämlich der Tonfilm geboren … Das war Disruption in härtester Ausprägung. Schade eigentlich. Vielleicht erlebt der Stummfilm ja zumindest bei kreativen Werbespots noch ein Revival.

Markus Nepf leitet die Stabsstelle Kommunikation des Österreichischen Sparkassenverbandes.

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