Sparkassen Zeitung

Economy

"Gesellschaft daran messen, wie sie mit Schwächsten umgeht"

Ausgabe #6/2019 • Soziale Verantwortung
Milan Frühbauer

FÜR VIELE IST SIE DER LETZTE RETTUNGSANKER: DIE ZWEITE SPARKASSE BIETET MENSCHEN IN WIRTSCHAFTLICHER NOTSITUATION FINANZDIENSTLEISTUNGEN AN, DIE SIE BEI KEINER ANDEREN BANK BEKOMMEN. DAS EHRENAMTLICHE VORSTANDSMITGLIED GERHARD RUPRECHT GIBT EINEN EINBLICK IN DIESES ERFOLGSMODELL.


__________________________________________________________

„IN KÜRZE WERDEN WIR UNSEREN KUNDINNEN UND KUNDEN AUCH EINEN WOHNUNGS-MIKROKREDIT ANBIETEN KÖNNEN.“

Gerhard Ruprecht, Ehrenamtliches Vorstandsmitglied Zweite Sparkasse
__________________________________________________________

Was sind die Hauptgründe, warum Menschen die Hilfe der Zweite Sparkasse in Anspruch nehmen?

Gerhard Ruprecht: Unsere Hauptaufgabe ist es, den Menschen ein Konto anzubieten. Denn dieses ist ein wesentlicher Bestandteil der finanziellen Infrastruktur jedes Menschen. Ohne Konto ist es nahezu unmöglich, einen Job zu erhalten oder einen Mietvertrag abzuschließen. Die erste Aufgabe der Zweite Sparkasse war es daher, Menschen ein Konto anzubieten, die wegen Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit oder auch Gedankenlosigkeit in finanzielle Probleme geraten sind. Es geht um die Teilhabe der Menschen an unserer Gesellschaft. Unsere Kundinnen und Kunden sind Menschen, die einen Zweiten oder eine Zweite brauchen.

Was waren die Überlegungen bei der Gründung?

Ruprecht: Wir sind überzeugt davon, dass eine Gesellschaft daran zu messen ist, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Wir sind also die zweite Chance, ohne Schuldzuweisung und in respektvoller Betreuung. Unser Generalmotto lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Wir arbeiten alle ehrenamtlich und ganz im Sinne des Gründungsgedankens der Sparkassen: Kein Stand, kein Geschlecht, keine Nation ist von den Vorteilen ausgeschlossen. Das hat vor allem jetzt, im 200. Jahr des Bestehens von Sparkassen in Österreich, eine besondere Bedeutung. Die Ehrenamtlichkeit unserer sehr gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schafft ausreichende Zeit für die erforderliche Betreuung, ohne finanzielle Kosten-Nutzen-Rechnung. Wir nützen selbstverständlich die Produkte und die Systeme der Sparkassengruppe.

Wie ist Ihre rechtliche Verankerung in der Sparkassengruppe?

Ruprecht: Die Zweite Sparkasse ist eine eigentümerlose Vereinssparkasse und wurde 2006 mit Mitteln der ERSTE Stiftung gegründet. Sie hat eine Universalbank-Lizenz und unterliegt wie jede andere Bank in Österreich dem Bankwesengesetz.

Was bieten Sie außer einem Konto für Menschen in Notlage an?

Ruprecht: Unser Ziel es ja nicht nur, Hilfe in der Not zu leisten, sondern solche Notfälle möglichst im Vorfeld zu verhindern. Dazu machen wir Finanzbildungs-Workshops für Jugendliche in Kooperation mit dem „Financial Life Park“ der Erste Group. Bei den Jugendlichen ist der Bedarf an finanzieller Aufklärung besonders hoch, denn viele von ihnen geraten in eine Schuldenfalle.

Wir bieten darüber hinaus neben der Prävention auch konkrete Produkte. Beispielsweise mit einem Aufbaukonto, mit dem wir den Spargedanken selbst beim aktuell niedrigen Zinsniveau fördern möchten. Weiters wird ein Bausparvertrag angeboten – mit staatlicher Prämie und ohne Gebühren –, der die Finanzierung einer größeren Anschaffung erleichtern soll. Ein Versicherungspaket der Vienna Insurance Group wiederum soll bei einem Schadensfall die Existenz der Kundin oder des Kunden absichern.

Gibt es bei Ihnen auch Produktinnovationen?

Ruprecht: Selbstverständlich. Trotz des mittlerweile EU-weiten Rechts auf ein Konto besteht dringender Bedarf an Beratung und Begleitung, um eine finanzielle Stabilisierung zu ermöglichen.

Neu ist auch unser Wohnungs-Mikrokredit, mit dem wir in Kürze starten werden, und der maßgeblich von der geschäftsführenden Vorstandsvorsitzenden unserer Bank, Brigitte Guttmann, konzipiert worden ist. Menschen, die eine Wohnung anmieten wollen und nur ein geringes Einkommen oder soziale Transferleistungen beziehen, sind in der Regel nicht in der Lage, Mietkautionen oder Ablösen für Kücheneinrichtungen zu bezahlen. Mangels pfändbarer Einkommen oder entsprechender Sicherstellungen können herkömmliche Banken auch keine Finanzierung anbieten. Hier springen wir ein: In Zusammenarbeit mit Sozialorganisationen finanziert die Zweite Sparkasse Kautionen und Ablösen bis maximal 5.000 Euro. Sofern eben die Leistbarkeit in der Haushaltsrechnung gegeben ist. Durch einen Sicherstellungsfonds der ERSTE Stiftung wird ein Bezug von vorerst etwa 100 Wohnungen ermöglicht.

Die Vermittlung der Kundinnen und Kunden erfolgt vorerst nur durch die Caritas als Kooperationspartner, die diese Menschen bereits aus von ihr betreuten Wohnungen kennt, wo sie ihre Mieten immer pünktlich bezahlt haben. Die Laufzeit beträgt maximal fünf Jahre. Der Fixzinssatz liegt bei 3,25 Prozent – ohne jegliche Nebenkosten. Es erfolgt dabei keine Barauszahlung an den Kreditnehmer, sondern die Wohnraumbeschaffung wird direkt finanziert. Ein weiteres Ziel ist das Vermeiden von Rechtsanwalts- oder Betreibungskosten bei notleidenden Krediten: Die „Mahnung“ erfolgt durch den jeweils persönlichen Betreuer.

Wie sieht die Struktur der Zweite Sparkasse aus?

Ruprecht: Wir haben sieben Filialen in Österreich, derzeit etwa 360 ehrenamtlich tätige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Allein die Übersiedlung in ein Gebäude gegenüber des Erste Campus in Wien hat 30 zusätzliche Mitarbeiter gebracht. Aktuell betreuen wir 8.400 Kundinnen und Kunden zusammen mit Organisationen wie Caritas oder Schuldnerberatung. Seit der Gründung sind es bisher insgesamt rund 19.000 Kundinnen und Kunden. Rund 4.000 von ihnen konnten wir wieder in die reguläre Betreuung der Erste Bank oder einer Sparkasse überführen. Der ehrenamtliche Vorstand besteht aus Günter Benischek, Brigitte Guttmann und mir.

Was wünschen Sie sich für Ihre künftige Arbeit?

Ruprecht: So etwas wie die Zweite Sparkasse gibt es weltweit kein zweites Mal, das ist ein Teil der faszinierenden Tätigkeit. Konkret wünsche ich mir – im Gegensatz zu allen Geschäftsmodellen auf dieser Welt –, dass wir möglichst viele Kundinnen und Kunden bald wieder verlieren, weil sie mit unserer Hilfe finanziell wieder Fuß fassen.

Diesen Artikel teilen:

Was zählt, sind die Menschen