Sparkassen Zeitung

Economy

„Wir finanzieren jeden Tag zwei Gründer“

Stephan Scoppetta

Thomas Uher, Vorstandsvorsitzender der Erste Bank Österreich und Michael Horvath, CFO des Bio- und Fairtrade-Grünteegetränke-Herstellers „all i need“ über das neue Start-up-Paket der Bundesregierung, Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups und Start-up-Spirit in Österreich.

Sparkassenzeitung: Nach langem Warten hat die Bundesregierung ein Start-up-Paket veröffentlicht. Es sind Maßnahmen wie zum Beispiel eine Erleichterung bei den Lohnnebenkosten, Kreditgarantien, Förderungen und vieles mehr geplant. Wie gut ist das Paket aus Ihrer Sicht gelungen? 

Michael Horvath: Ich bin schon sehr lange in der Start-up-Szene und ich muss sagen, das ist ein Riesenschritt. Alles, was junge Unternehmen stärkt, ist wertvoll. Als Start-up habe ich immer folgende Herausforderungen: Zuerst brauche ich ein gutes Produkt oder eine Idee mit Alleinstellungsmerkmal. Dann brauche ich ein gutes Team. Worum sich letztendlich immer alles dreht, ist das Geld. Besonders in der Seed- und Start-up-Phase ist eine Finanzierung das schwierigste Thema. Hat man den „Break-even“ erreicht, wird es einfacher. Dann bist du auch interessant für den restlichen Kapitalmarkt.

Thomas Uher: Es ist ein guter Anfang, und was man jetzt auf keinen Fall tun sollte, ist, das Haar in der Suppe zu suchen. Man muss schauen, wie das in der Praxis wirkt. Dann gilt es alle Maßnahmen auszuprobieren um in ein bis zwei Jahren bei Bedarf nachjustieren zu können. Wichtig ist aber, dass wir jetzt nicht alles zerreden und raunzen. Freuen wir uns einfach darüber, dass das Glas dreiviertelvoll ist.

Grundsätzlich sind wir also auf dem richtigen Weg?
Horvath: Ich finde schon. Die ganze Start-up-Landschaft hat sich in den letzten fünf Jahren extrem verändert. Und es gibt jetzt Personen, die das sehen und auch unterstützen. Gerade Innovation ist für den Standort Österreich extrem wichtig. Gerade jetzt, wo medial Angst vor der Digitalisierung erzeugt wird, sollte man nicht immer nur fragen, wie viele Jobs gehen verloren, sondern wie viele Arbeitsplätze kann man schaffen, wenn man junge und innovative Unternehmen fördert.

Wo sehen Sie hier Ihre Rolle als Bank?
Uher: In einer frühen Unternehmensphase ist es für eine Bank aufgrund der derzeitigen Überregulierung, die eine Kreditvergabe und das Eingehen von Risiko dramatisch erschwert, nicht so einfach zu finanzieren. Besteht nur eine erste Idee, Skizze oder Prototyp, ist eine Kreditfinanzierung wirklich schwierig, aber wir helfen hier unseren jungen Unternehmen mit fundierter Beratung. Unsere Beraterinnen und Berater wissen, welche alternativen Finanzierungsmöglichkeiten es gibt und welche Förderungen beziehungsweise Garantien möglich sind. Es gilt, den richtigen Mix aus Beratung, Förderungen und Garantien gerade in einer frühen Phase zu finden, und das gelingt uns sehr gut. Jeden Tag finanzieren wir in der Erste Bank zwei Gründerinnen und Gründer, mit den Sparkassen sind es sogar sechs bis acht täglich.

Gerade in den letzten Jahren kommt immer wieder die Forderung nach Deregulierung des Bankenmarktes auf, um die Wirtschaft noch besser fördern zu können. Schließen Sie sich der Forderung an?
Uher: Natürlich würde uns eine Deregulierung helfen, aber das ist heute eine Illusion, der ich mich nicht hingeben will. Es würde derzeit schon reichen, das Regulierungstempo zu drosseln und mal jene Regelungen zur Wirkung kommen zu lassen, die bereits verabschiedet wurden. Man sollte sich anschauen, ob die neuen Regelungen wirklich das bringen, was man sich erwartet hat, und dann kann man ja nachjustieren.

Wie erklären Sie sich diesen Boom im GründerInnen- und Start-up-Bereich trotz Krise?
Horvath: In den letzten Jahren hat sich einfach sehr viel verändert. Durch die Digitalisierung ist es einfacher geworden, Produkte zu entwickeln, zu testen und in einen globalen Markt zu bringen. Heute wächst man zusätzlich auch mit einem ganz anderen Denken auf. Hieß es früher noch, geh in eine Bank, da wirst du immer gut verdienen und hast einen sicheren Job, so hat die Jugend von heute einen viel größeren Drang sich selbst zu verwirklichen.

Uher: Das Internet hat gerade im technologischen Bereich zu einem echten Umbruch geführt. War es noch Anfang der 90er-Jahre unmöglich ein Produkt in Österreich zu entwickeln und morgen in New York anzubieten, so ist das heute gelebte Realität. Wenn ein heimisches Unternehmen eine neue App entwickelt, kann diese über App-Stores weltweit vertrieben werden. Das sind die Chancen der Globalisierung. Was in Österreich aber auch zu einem Start-up-Boom geführt hat, war, dass wir einige Erfolgsgeschichten wie zum Beispiel Runtastic vorweisen können. Dadurch ist die Großwetterlage freundlicher geworden und motiviert die Bundesregierung auch zum Handeln.

Herr Horvath, Sie haben sich mit „all i need“, einem veganen Grüntee-Getränk, nicht gerade ein einfaches Feld für eine Neugründung ausgesucht?
Horvath: Das stimmt. Bei einem Getränk wie „all i need“, das nur mit hochwertigsten Inhaltsstoffen arbeitet, muss man Rohstoffe weltweit kaufen, mindestens 250.000 Dosen abfüllen, damit man sie überhaupt bedrucken lassen kann. Zudem braucht es ein Lager, eine entsprechende Logistik und natürlich auch ein gutes Team. Das alles kostet viel Geld und gerade am Anfang ist das nicht einfach aufzutreiben. Vor fünf Jahren waren wir aber der absolute Early Mover, und der Trend zur gesunden Ernährung stand gerade am Anfang. Heute kommen in diesem Segment ständig neue Produkte im Supermarktregal hinzu. Früher konnte man zwischen Wasser, überzuckerten Limonaden und Light-Produkten mit Aspartam wählen. Aus diesem Mangel heraus wollten wir etwas produzieren, das gesund ist und gut schmeckt. Das Risiko war natürlich groß, aber mit der richtigen Beratung und den richtigen Partnern ist auch das zu schaffen.

Hatten Sie auch Kontakt mit dem Gründercenter der Erste Bank und Sparkassen?
Horvath: Ja, unseren Berater kennen wir schon sehr lange. Das Gründercenter ist wirklich toll, denn das Team dort ist gut informiert und hat uns von Anfang an wirklich sehr gut
beraten. Bis heute vertrauen wir auf seine Expertise. Auch unser Betreuer in der Filiale steht uns von Beginn an mit Rat und Tat zur Seite und ist eine sehr große Stütze.

Wir stehen beim Gründerboom erst am Anfang. Wo bräuchte es zusätzliche Impulse?
Uher: Im internationalen Vergleich bedarf es in Österreich noch einer engeren Verzahnung zwischen Wissenschaft beziehungsweise Forschung und Unternehmertum. Wir haben in vielen Bereichen wirklich tolles Know-how, aber noch nutzen wir das viel zu wenig und denken zu wenig übergreifend. Amerikanische Unis haben viel mehr universitäre Spin-offs, nicht zuletzt deshalb, weil es dort wirklich aktiv gefördert wird. Und haben Österreicherinnen oder Österreicher Erfolg, dann verkaufen sie aus meiner Sicht zu früh und der wirkliche Erfolg wird dann im Ausland gemacht. Ein österreichisches Google oder Facebook ist unrealistisch, aber heimische GründerInnen verkaufen oft bereits bei einem Wert von fünf bis zehn Millionen und in der zweiten großen Kapitalgeberrunde beginnt die wirkliche unternehmerische Erfolgsgeschichte. Hier müssen wir etwas tun, aber dafür braucht es einen funktionierenden Kapitalmarkt und den haben wir derzeit nicht.

Horvath: Das Thema Refinanzierung ist ab einem gewissen Punkt in Österreich wirklich schwierig. Auf der einen Seite gibt es keine funktionierende Börse und auf der anderenSeite kaum Investoren, die auch Volumina über 30 Millionen Euro stemmen können. Die wenigen, die es gibt, sind dann Anlaufstelle für alle, und es wird mittlerweile wirklich schwierig an diese Investoren überhaupt heranzukommen. Oft werden auch ausländische Partnerinnen und Partner an Bord geholt, weil sie einfach über die entsprechende Erfahrung in Märkten wie zum Beispiel den USA verfügen. Aus Österreich heraus ist das einfach nicht mehr zu bewältigen.

Gerade in Österreich gibt es einige sehr reiche Unternehmerfamilien und Stiftungen. Sind diese an Start-up-Beteiligungen nicht interessiert?
Uher: In Österreich gibt es sogar extrem viel Kapital. Wir haben sehr reiche Stiftungen in diesem Land. Aber es werden bevorzugt Zinshäuser gekauft und es wird nicht in junge Unternehmen investiert. Doch mit der geplanten Investitionsförderung bis 250.000 Euro besteht eine Chance, dass man an diese Gruppe der Investoren wieder herankommt.

Könnte nicht eine Bank als Intermediär zwischen kapitalkräftigen InvestorInnen und Start-ups fungieren?
Uher: Das können wir aus juristischen Gründen nur teilweise. Wir können unsere Kundinnen und Kunden zu Veranstaltungen einladen, wenn zum Beispiel ein größererFonds aufgelegt wird. Wir können Kundinnen und Kunden aber nicht zu „moral hazard“ einladen. Geht das Investment in das Start-up gut, habe ich gewonnen, geht es schief, dann klage ich die Bank wegen eines Beratungsfehlers. Die Bank kann hier nur am Rande eine Rolle spielen. Weil wir aber unseren Beitrag leisten wollen, haben wir uns zum Beispiel als einzige Bank mit mehreren Millionen Euro am Gründerfonds der aws beteiligt. Was in Zukunft aber auch helfen könnte, sind die Mittelstandsfinanzierungsgesellschaften, die ja ebenfalls im Rahmen des Start-up-Pakets bearbeitet werden. Ich glaube, wir brauchen in Zukunft einfach mehrere Speedinvests mit kleineren Stückelungen, damit auch kleinere Investorinnen und Investoren einsteigen können.

Horvath: Das Problem ist die Verwaltung der vielen kleineren Investorinnen und Investoren. Wir haben mit Crowdinvesting rund 600 tolle Investorinnen und Investoren gefunden, aber die muss man als kleines Unternehmen dann auch richtig betreuen. Wenn man einen Fonds mit 10.000 Investorinnen und Investoren auflegt, muss man auch eine entsprechende Kommunikationsplattform haben, um diese auch entsprechend servicieren zu können.

Ihre Vision für die Zukunft im Markt rund um die Start-ups?
Uher: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit den Maßnahmen vom Juni und den Maßnahmen der nächsten zwölf bis 24 Monate in Österreich einen attraktiven Günder- und Start-up-Standort aufbauen können. Und es wird uns auch in Zukunft gelingen, diese Unternehmen mittel- und langfristig in Österreich zu halten, damit sie hier Arbeitsplätze schaffen und zu einem neuen wirtschaftlichen Aufschwung beitragen.

Wie sehen Sie die Zukunft von all i need? 
Horvath: Wir sind in ein paar Jahren ein global erfolgreiches Produkt mit einer starken Marke. 2017 werden wir bereits den Break-even erreichen. In Deutschland starten wir gerade sehr erfolgreich und ich gehe davon aus, dass wir uns in den nächsten fünf Jahren auch am US-Markt etabliert haben werden.

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